WEST COAST TRAIL – Eine Grenzerfahrung

Es gibt unzählige gute Seiten zum WCT im Netz, was ja auch logisch ist, denn jeder WCT Finisher möchte seine Erfahrungen gern teilen. Eine besonders authentische und gut geschriebene Reisebeschreibung findet ihr bei Inka von Blickgewinkelt.de.

Da der WCT mit all seinen Anforderungen und Tücken schon so ausführlich beschrieben wurde, möchte ich nicht noch eine Abhandlung dazu verfassen. Ich möchte vielmehr versuchen unsere Erfahrungen mit den Menschen auf Vancouver Island und speziell dem WCT etwas zu reflektieren.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass wir den WCT gelaufen sind. In der Erinnerung ist es noch immer die schwerste Tour, die ich je gemacht habe. Und vielleicht genau deswegen kann ich mich noch an jedes Detail erinnern. Wir hatten schon viele schwere Gebirgstouren in den Beinen und doch war diese Tour deutlich näher an der Grenze der physischen und mentalen Leistungsfähigkeit. Und es war eine Tour, bei der ich mehr über Menschen und die Dummheit meiner eigenen Vorurteile gelernt haben, als je zuvor.

Es begann damit, dass wir in Nanaimo von der Fähre kamen und mit unseren riesigen Rucksäcken wohl etwas hilflos aussahen. Ein junger Mann sprach uns an und fragte, ob er uns helfen könne. Meine Antwort, dass wir das Hostel suchen quittierte er mit einem fröhlichen “I´ll bring you to the hostel”, mir den Rucksack abnahm und uns grinsend zu seinem Pickup schob. Mein erster Gedanke war, dass der Typ uns einfach nur abziehen wollte. Doch der Bursche war ein ausgewanderter Däne, der am Hafen auf seine Tochter wartete und mit uns die Wartezeit überbrücken konnte. Das ist ihm aber sowas von gelungen! Am nächsten Tag wollten wir dann mit der MV Lady Rose von Port Albernie nach Bamfield fahren, da wir nur einen Tag Puffer bis zum Start des Trails eingeplant hatten. Der Kahn fuhr an diesem Tag aber nicht! Also beschlossen wir zu trampen, in der Hoffnung, dass uns einer der monströsen Logging-Trucks mitnehmen würde. Das hat natürlich nicht geklappt, weil diese tonnenschweren Dinger einfach nicht schnell genug abbremsen können. Mitgenommen hat uns dann ein langhaariger junger Bursche, ein First Nations vom Stamm der Nuu-chah-nulth. Ich habe gelernt, dass er großer Rolling Stones Fan sei, von Beruf Künstler sei und sich gerade von seiner drogensüchtigen Frau getrennt hat. Ziemlich harter Einstieg! Er ließ sich auch nicht davon abbringen, uns zu sich nach Hause einzuladen, um uns seine Kunstwerke zu zeigen. Der Typ hat Totem Poles hergestellt, also Totempfähle und die waren echt eindrucksvoll. Überhaupt haben die First Nations auf der Insel eine einzigartige Kultur geschaffen. Mit derartig tollen Erlebnissen im Kopf erreichten wir schließlich den Startpunkt in Pacheena Bay. Mittlerweile gibt es einen Shuttlebus, der euch da hin bringt. Nach dem Check in gibt es einen Vortrag der Ranger, welche Gefahren auf dem Trail zu erwarten sind und wie man sich bei Bären und Pumas zu verhalten habe. Außerdem wurden die Stellen erklärt, an denen man per Rettungszeichen das einmal pro Tag patroullierende Boot kontaktieren konnte. Garniert wurde das Ganze mit der sehr detaillierten Aufzählung der Unfälle der letzten Tage. Das Highlight für ihn waren drei Schweizer, die es in der Nacht samt Zelt und Ausrüstung ins Meer gespült hat, weil sie die Gezeiten nicht beachtet hatten. Mit einer Mischung aus Neugier und Respekt vor dieser unglaublich rauhen Natur bauten wir unser Zelt auf und besorgten uns das letzte Essen, bevor es am nächsten Morgen losging. Wir füllten 2 leere Bierdosen mit Kieseln und banden uns diese “Glocke” an den Rucksack – man kann ja nie wissen. Das Wetter war stabil und wir kamen gut vorwärts, von Bären natürlich keine Spur. Vorerst.

Eine seltene Stelle mit freiem Blick auf`s Meer – meistens ging es am Anfang durch den Regenwald.

Tag 1

Das Wetter war perfekt, wir schafften 16 Kilometer am ersten Tag und haben unser Zelt für die Übernachtung am Tsocowis Creek aufgeschlagen. Die meisten Trekker, die die Nord-Süd-Route laufen machen am Michigan Creek halt und so waren wir vollkommen allein dort. Das Zelt haben wir so weit wie möglich vom Ufer entfernt aufgebaut, da die Flut an dieser Stelle relativ viel der winzigen Freifläche überspült. Den Abend verbrachten wir damit, Robben beim Spielen zuzusehen und mit den Fingern zu zählen, wie lange es dauert, bis ein Grauwal vom Luft holen bis zum Eintauchen der Schwanzflosse benötigt. Ich kam auf unglaubliche 10 Sekunden und hatte danach eine etwaige Vorstellung wie unglaublich groß diese wundervollen Riesen sind. Überhaupt war die Stille unglaublich, man hörte nichts außer dem Rauschen des nahen Meeres. Voller Glückshormone stiegen wir in unsere Schlafsäcke und schliefen glücklich ein. Passieren konnte uns ja auch nichts, das Essen hing weit oben in einem Baum und für den Notfall hatte ich mir einen mächtigen Schlagstock aus einem alten Ast geschnitzt. Dann knackte es. Ich hörte leise, ganz vorsichtige Schritte und war innerhalb einer Zehntelsekunde hellwach. Ohne uns zu bewegen flüsterten wir uns Mut zu. Die Situation war eindeutig. Wir waren allein und hatten keine Sicht, somit konnten wir das Risiko nur schwer einschätzen. Dem Geräusch nach zu urteilen war es ein großes Tier. Die Bedachtsamkeit, mit der die Schritte näher kamen ließ nur den Schluß auf ein Raubtier zu. Bär oder Puma? Groß machen und kämpfen oder tot stellen? Den Knüppel hatte ich längst mit beiden Händen umklammert und im Mondlicht sahen wir den Schatten einer ziemlich großen Katze direkt am Zelt entlang streichen und in Richtung Wasser laufen. Der Puma hatte ganz offensichtlich kein Interesse an uns, also bleiben wir wie angefroren liegen und versuchten möglichst nicht zu atmen. An Schlafen war danach nicht mehr zu denken und so hörte ich den Kieseln zu, die durch die Kraft der einsetzenden Flut langsam in Richtung unseres Zeltes gedrückt wurden. Als ich noch vor Sonnenaufgang vorsichtig aus dem Zelt schaute, sah ich direkt in die Gesichter zweier Robben, die in wenigen Metern Entfernung am Wasser saßen.

Tag 2

Den zweiten Abschnitt schafften wir bis Kilometer 26, Tsusiat Falls. Hier lernten wir zum ersten Mal die Leitern kennen und hassen. Es gibt eine Stelle, an der ein kleiner Wasserfall direkt unter der Leiter aus der Wand sprudelt. Man sieht den von oben natürlich nicht und so kommt man um diese unfreiwillige Dusche nicht herum. Zuerst wird man übrigens im Schritt nass….Da das Wetter stabil und sonnig war, spielte das auch keine große Rolle, da die Sachen in wenigen Minuten wieder trocken waren. Unterwegs sahen wir einen Schwarzbären, der sich aber schnell ins Unterholz trollte und nichts von uns wissen wollte. 

Leitern, nichts als Leitern.

Die Tsusiat Falls sind wunderschön und fließen nach wenigen Metern direkt ins Meer

Tag 3

Den dritten Tag kamen wir bis Kilometer 42 Cribs Creek und noch war alles gut. Die Wege waren matschig, aber machbar. Das Gewicht des Rucksacks wird von Etappe zu Etappe leichter und wir waren mega motiviert! Auch die Tiere machten genau das, was wilde Tiere machen, wenn wir Menschen sie nicht erschrecken oder (in ihren Augen) angreifen – nämlich nichts. Die haben einfach ihren normalen Tagesablauf, ihre beliebten Jagdreviere und Kackstellen (sorry!). Wenn Ebbe kommt, gehen Bären zum Beispiel gern Krabben fischen. Wenn man das weiß und respektiert, dann ist auch eine Bärenmutter mit zwei Jungtieren vollkommen ungefährlich, was wir ein paar Jahre später erneut auf Vancouver Island erleben konnten. Wir waren im Zeitplan und einfach nur glücklich.

 

Tag 4

Doch am nächsten Morgen begann das Desaster. Wir waren auf Regen vorbereitet und hatten die entsprechende Ausrüstung – doch es folgten zig Stunden mit extremen Regen. Es hat so sehr geschüttet, dass einfach alles nass war. Goretex war machtlos gegen diese Fluten, auch das Gewebe der Rucksäcke hatte sich der Feuchtigkeit längst ergeben. Selbst die normalerweise leicht zu laufenden Wege über den Strand wurden zur Qual, man sank unglaublich tief im nassen Sand ein und kam einfach nicht vorwärts. Und so schleppten wir uns bis Kilometer 56 am Walbaran Creek und freuten uns nur noch auf ein warmes Essen und ein Zeltdach über dem Kopf.

 

 

 

Nachdem wir das Zelt aufgestellt und die nassen Klamotten unter der hinteren Apside aufgetürmt hatten ging es ans Kochen. Doch der Kocher wollte nicht. Der normalerweise unkaputtbare MSR Whisperlite ließ sich einfach nicht starten. Nichts half, er hat nicht mehr funktioniert. Also habe ich mir die klatschnassen Goretex-Klamotten wieder übergezogen und bin auf die Suche nach Feuerholz gegangen. Was sich bei bei diesem Wetter als unmöglich herausstellte, es war alles nass. Etwas weiter hinten hatte ein anderes Paar ihr Zelt stehen, beide hockten unter einer Plane und davor brannte ein schönes Feuer. Unter der Plane hatten sie Unmengen an Holz gehortet, welches sie mir anboten. Frei nach dem Motto “viel hilft viel” habe ich das restliche Benzin genutzt, um möglichst schnell viel Hitze zu erzeugen und die großen Bollen zum Brennen zu bringen. Nach einer Weile hatten auch wir ein stattliches Feuer brennen, welches dem Regen einigermaßen trotzte. Als später am Abend der Regen endlich nachließ schleppten wir alle unsere nassen Klamotten ans Feuer. Der Gestank war uns egal, Hauptsache trocken. Meine Bergschuhe hatten bis dahin eine gut funktionierende Gel-Füllung. Hatten, wie gesagt. Die Schuhe standen zu nah am Feuer und die Gelfüllung platzte sabbernd aus der Sohle heraus, der linke Schuh war binnen Sekunden unbrauchbar geworden. Und es kam noch schlimmer. Einer der Steine, die wir um die Feuerstelle platziert hatten war offensichtlich mit Wasser gefüllt und platzte infolge der massiven Hitze. Das Geschoss durchschlug die Zeltwand und hinterließ ein daumengroßes Loch. Ich hatte an diesem Tag nicht mal mehr die Kraft zu fluchen, es lief einfach nur unglaublich beschissen. Nachdem wir das Loch getapt hatten, versuchten wir irgendwie Schlaf zu finden – denn am nächsten Morgen stand die schwerste Etappe des Trails an. Was ich zu der Zeit noch nicht wußte – meine Kamera hatte vom ersten Tag an einen Defekt und produzierte nur Auschuß-Bilder.

Tag 5

In der Nacht hörte der Regen komplett auf, sodaß wir am nächsten Morgen starten konnten. “Starten mussten” wäre die bessere Bezeichnung. Außer einem Tee gab es nichts, denn unsere Vorräte waren aufgebraucht. Wir hatten einen Tag weniger geplant und wollten längst am Ziel sein, doch der Regen hat uns einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir stanken wie Tiere im Zoo und hatten weder Kraft noch Energiereserven. Die Etappe von Walbaran Creek bis zum Camper Creek ist schon bei normalem Wetter extrem – nach den Regengüssen der letzten Tage war sie nahezu unpassierbar. Es war eine einzige Orgie aus Schlamm, vergammelten Stegen und rutschigen Leitern. An manchen Stellen war der Weg soweit weggespült, dass wir in einem großen Bogen durch den Regenwald ausweichen mussten. Aber auch hier gab es nur knietiefen Schlamm, Gestrüpp und riesige umgestürzte Bäume die man überwinden musste. Man merkte praktisch stündlich, wie die Kräfte nachließen, Motivation hatten wir längst keine mehr. Als wir eine kleine Pause einlegten, um Kräfte zu sammeln überholten uns drei Kanadier. In Turnschuhen! Jeder mit einem kleinen Rucksack auf den Schultern flogen sie regelrecht über den Trail. Im Gespräch stelle sich raus, dass die drei aus Victoria waren und den Trail mehrmals im Jahr laufen. Just for Fun. Die rannten die Tour am Stück, ohne Übernachtung und nur mit leichtem Gepäck. Das leichte Gepäck bestand neben Rettungsdecke und Sanipack aus Wasser, einer Flasche Whisky, einer Tüte Gras und einer Notration Essen. Und die bereiteten die Jungs für uns zu. Mitten im Matsch kochten sie Reis mit einer asiatischen Trockenmischung aus Gewürzen, Algen und Shitake-Pilzen für uns. Ich konnte es einfach nicht fassen! Aber vielleicht sahen wir ja einfach nur so komplett abgefuckt aus, dass sie gar nicht anders konnten. Jedenfalls war das ein super korrekter Zug und derartig gestärkt erreichten wir schließlich Camper Creek, wo wir die letzte Nacht verbrachten. Das Gericht tauften wir feierlich in “MTM” – noch Jahre später kochten wir das “Muddy Trail Meal” und mussten jedes Mal herzhaft lachen.

Tag 6

Den Weg zum Ziel in Trasher cove sind wir dann förmlich gerannt, wir wollten nur noch aus dieser grünen Hölle raus. Unterwegs trafen wir eine Gruppe Amerikaner vom Format “Fred Feuerstein”, die in der Gegenrichtung unterwegs waren. Während des kurzen Gesprächs inspizierte ich deren Ausrüstung und bekam den Mund nicht mehr zu, denn oben auf einem riesigen Rucksack tronte ein stattlicher gußeiserner Grill. Kein Witz, die haben tatsächlich einen Grill über den Trail geschleppt. In Gedanken malte ich mir aus, wie diese schweren Jungs langsam im Matsch untergingen und nur noch der Grill oben rausschaute. Wir hielten uns aber nicht zu lange mit schwarzen Gedanken auf, denn die Aussicht auf baldiges Essen und eine heiße Dusche war mega verlockend. Beides haben wir dann so ausgiebig genossen, daß wir am Schluß den einzigen Bus des Tages verpasst haben.

Warten auf den Fährmann – die stinkenden Klamotten vom Leib gerissen und die Füße im Wasser baumeln lassen.

Also haben wir uns ein Taxi gerufen, was uns nach kurzer Zeit auch einsackte. Die Karre war riesig, irgendein uralter amerikanischer Schrotthaufen mit durchgehender Sitzbank vorn. Es hat geschaukelt, dass der Magen Luftsprünge vollführte. Der Fahrer war Pakistani und sprach kaum ein Wort Englisch und er fuhr dieses rollende Sofa in einem Höllentempo. Ich saß schweigend daneben und schaute aus dem Fenster ins Nirgendwo. Nach einer ganzen Weile des Schweigens hielt der Fahrer den Wagen ziemlich abrupt an und versuchte uns in seiner Sprache irgend etwas begreiflich zu machen. Vergeblich. Da er ziemlich erregt aussah, bekamen wir es doch mit der Angst zu tun. Dann stieg er plötzlich aus und verschwand im Wald. Wir überlegten und kamen zum Entschluss, dass er sicher seine Kumpels holen würde um uns auszurauben. Auf Ideen kommt man in solchen Situationen!!! Zwei verdreckten WCT-Läufern die stinkende Unterwäsche zu klauen, erschien uns aber durchaus plausibel. Ich fingerte sicherheitshalber mein Gerber-Messer aus dem Rucksack und steckte es in die Hose. Nichts passierte. Eine gefühlte Ewigkeit lang saßen wir in diesem komischen Privattaxi am Arsch der Welt und nichts geschah. Plötzlich kam unser Fahrer breit grinsend aus dem Wald zurück, im Arm eine große Papptüte. Er riß die hintere Tür auf und drückte Manja die Tüte in die Hand, die randvoll mit frisch gepflückten Aprikosen gefüllt war. Setzte sich auf den Fahrersitz und fuhr laut vor sich hin singend weiter. Als wir in Viktoria ankamen und lächerlich wenig bezahlten, glühte mein Gesicht noch immer vor Scham. Diese und alle anderen Begegnungen auf dieser komplett verrückten Tour hat meine Einstellung zu fremden Menschen und Kulturen nachhaltig verändert. “Behandle deinen Gegenüber so, wie du behandelt werden möchtest” – das trifft meine Erfahrungen vielleicht am besten.

 

Steckbrief

Extrem anspruchsvolle Mehrtages-Tour

 

Leichtgewichts-Zelt empfohlen, Ausrüstung auf Minimalgewicht trimmen

 

Dehydriertes Essen mitnehmen

 

Benzinkocher oder Mehrstoff-Kocher

 

Offenes Feuer

 

Leichter Rucksack mit Regenhülle, zusätzlich zwei Müllsäcke, Wanderstöcke, Kniehohe Gamaschen, Reepschnur